„Manchmal bin ich doch echt der totale Vollhorst!“, denke ich mir, ignoriere das sonst so mitreißende Lied, das von den Kopfhörern in mein Bewusstsein zu gelangen versucht, und gehe resigniert nach Hause.

Was bisher geschah:
„… did I make it that easy to walk right in and out of my life…?“, summe ich gedanklich mit, während ich – die Tasche geschultert und die Arme vor der Brust verschränkt – die Treppe aus dem U-Bahntunnel hinauf gehe und meinen Heimweg antrete.
Ohne auf etwas Bestimmtes zu achten, schaue ich – noch immer auf das Lied konzentriert – in der Gegend rum. Rechts ein Zigarettenverkäufer, von links kommt mir ein Fahrradfahrer entgegen, vorn der Ramschladen, der Fahrradfahrer hat braune Dreadlocks, an mir gehen zwei wild gestikulierende Asiatinnen vorbei, er sieht mich an.
„Ist das nicht…?“ schießt es mir plötzlich durch den Kopf. Das Lied ist vergessen, ich sehe nach links, er ist jetzt fast an mir vorbei. Unsere Blicke treffen sich und es dauert den Bruchteil einer Sekunde, bis ich erkenne „Das ist er doch!“ Er sieht, dass ich ihn sehe, ich senke schnell wieder den Blick, lasse mir keine Reaktion anmerken, gehe gleichen Tempos weiter. „Das ist er! Wie cool! Wie lange habe ich mich schon gefragt, wie er jetzt wohl aussieht und ob ich ihn mal wieder treffen würde. Die meisten Menschen kannst du übers Internet ausfindig machen, nur er scheint sich die letzten Jahre davor bewahrt zu haben. Und jetzt begegnet er mir zufällig auf dem Nachhauseweg zu einer Zeit, zu der ich sonst nie unterwegs bin.“
Ich drehe mich um, er ist schon an der nächsten Kreuzung angelangt und biegt in eine Straße ein.
Vorbei.
Und in meinem Kopf statt der rothaarigen Schmusesängerin ein Szenario, wie es hätte anders laufen können.
Anja Strilek Anja Strilek Anja Strilek Anja Strilek