Puente

„Manchmal bin ich doch echt der totale Vollhorst!“, denke ich mir, ignoriere das sonst so mitreißende Lied, das von den Kopfhörern in mein Bewusstsein zu gelangen versucht, und gehe resigniert nach Hause.

Was bisher geschah:

„… did I make it that easy to walk right in and out of my life…?“, summe ich gedanklich mit, während ich – die Tasche geschultert und die Arme vor der Brust verschränkt – die Treppe aus dem U-Bahntunnel hinauf gehe und meinen Heimweg antrete.

Ohne auf etwas Bestimmtes zu achten, schaue ich – noch immer auf das Lied konzentriert – in der Gegend rum. Rechts ein Zigarettenverkäufer, von links kommt mir ein Fahrradfahrer entgegen, vorn der Ramschladen, der Fahrradfahrer hat braune Dreadlocks, an mir gehen zwei wild gestikulierende Asiatinnen vorbei, er sieht mich an.

„Ist das nicht…?“ schießt es mir plötzlich durch den Kopf. Das Lied ist vergessen, ich sehe nach links, er ist jetzt fast an mir vorbei. Unsere Blicke treffen sich und es dauert den Bruchteil einer Sekunde, bis ich erkenne „Das ist er doch!“ Er sieht, dass ich ihn sehe, ich senke schnell wieder den Blick, lasse mir keine Reaktion anmerken, gehe gleichen Tempos weiter. „Das ist er! Wie cool! Wie lange habe ich mich schon gefragt, wie er jetzt wohl aussieht und ob ich ihn mal wieder treffen würde. Die meisten Menschen kannst du übers Internet ausfindig machen, nur er scheint sich die letzten Jahre davor bewahrt zu haben. Und jetzt begegnet er mir zufällig auf dem Nachhauseweg zu einer Zeit, zu der ich sonst nie unterwegs bin.“

Ich drehe mich um, er ist schon an der nächsten Kreuzung angelangt und biegt in eine Straße ein.

Vorbei.

Und in meinem Kopf statt der rothaarigen Schmusesängerin ein Szenario, wie es hätte anders laufen können.

Anja Strilek Anja Strilek Anja Strilek Anja Strilek

10 Antworten to “Puente”

  1. Soulsnatcher Says:

    Interessante Begegnung. Würde ich mir auch mal wünschen.

  2. Kassiopaia Says:

    Wer auch immer das war, du musst ja viel von ihm halten…
    Hättste ihm mal einen Stock zwischen die Speichen gejagt, dann wärt ihr euch sicher näher gekommen.😛

  3. donmatze Says:

    Warum reagiert man in manchen Situationen so? Blicke treffen sich, jeder weiß, dass der andere einen gesehen hat und beide gucken in einem Anfall von Selbstignoranz wieder weg. Und das dann auch noch bei Personen die man eigentlich gerne getroffen hätte – manchmal macht mans ja auch bewußt bei Leuten die man jetzt grade echt nicht braucht.

    Schade eigentlich – ich kann Dich gut verstehen.
    Und das geht einem dann noch lange nach… Was wäre wenn…

  4. Nila Says:

    Hmm, vielleicht ging das Ganze einfach viel zu schnell. Bis man es in seinem Hirn gespeichert hat, ist es auch schon wieder weg. Und so ging es wohl euch beiden. Schade – Thats life😉

  5. Anj Says:

    Soulsnatcher: Hm ja, iegentlich gibt soetwas dem Alltag schon einen gewissen Kick. Aber hinterher ärgert man sich schon, dass man nicht anders reagiert hat.

    Kassio: Yeah, das wär eine Idee gewesen! Dann wäre man auch gleich über das peinliche „Ähä… bist du nicht…?“ hinaus gekommen und hätte mit viel Action das Gespräch begonnen. Aber leider gabs gar keinen Stock in der Nähe…

    Donmatze: Hm, ich denke nicht, dass man in einem Anfall von Selbstignoranz wegguckt, sondern eher in einem Anfall falscher Scham und Unsicherheit. Woher soll man wissen, dass der andere einen auch erkannt hat? Und woher soll man wissen, dass man mit seiner Vermutung richtig liegt? Wenn die Unischerheit im ersten Moment überwiegt, kann man nicht so reagieren, wie man es täte, wenn man Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken.

    Nila: Hm ja stimmt. Eigentlich reagiert man zu langsam, bzw nur instinktiv und das ist komischerweise „wegschauen“. Aber ja, that’s life. Haste recht. ^^

  6. pünktchen Says:

    toller schreibstil, gefällt mir sehr gut.

  7. Anj Says:

    Vielen lieben Dank, Pünktchen!🙂

  8. eklis Says:

    manchmal ist die welt eben doch nicht soo gross! beim nächsten mal wirst du vllt anders reagieren und die chance ergreifen ihn/ sie anzusprechen bevor er/ sie einmal mehr aus deinem leben verschwindet.

  9. Anj Says:

    Hm, das ist die Frage, ob ich wirklich anders reagieren würde. Denn vorbereitet ist man ja nie wirklich…

  10. Nightflow27 Says:

    Sehr schön… ich finde, du hast das sehr sensibel beschrieben – gefällt mir wirklich gut.

    Lieben Gruß und ich wünsch dir weiterhin solche besonderen Augen-Blicke🙂

    Night

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