Du dämliche, alte Bratze

Manche Leute sind so erbärmlich, dass man sie links und rechts am Kopf bei den Haaren packen und festhalten möchte, um ihnen seine grottige Meinung über sie ins verständnislose Gesicht zu blaffen. Da will man vergessen, wo man seit drei Jahren wohnt, und den alten Ghetto-Slang wieder rauskramen – den von der üblen, niveaulosen Sorte. Ungefähr wie das Zitat aus dem Dokufilm Prinzessinnenbad „Ich komm‘ aus Kreuzberg, du Mu*schi!“, aber das wäre ja unhöflich, denn ich komm‘ ja gar nicht aus Kreuzberg.

Schon beim ersten Schritt aus der Tür höre ich sie. Ein kleines Mädchen weint laut nach seinem Papa. Eigentlich nichts Ungewöhnliches – hier gibt es viele Kinder und somit auch viel Geschrei, an das man sich längst gewöhnt hat. Auf dem Weg zu meiner Haltestelle gehe ich an der Kleinen vorbei, die allein auf dem Gehweg steht und ruft. Erst, als ich ein paar Schritte an ihr vorbei bin, fällt mir auf, dass die Situation aus irgendeinem Grund doch nicht so gewöhnlich ist, wie sie mir zunächst vorkam. Ich drehe mich um und da steht sie immer noch. Links von ihr, 20, 30 Meter entfernt in einem Park steht eine Oma und guckt. Rechts, auf der anderen Straßenseite gehen zwei Jungs vorbei und schauen her. Aber sonst ist niemand da.
Okay, hier stimmt was nicht. Ich gehe zurück, verpasse gedanklich schon meine Straßenbahn, in die ich aber nur mit Magenschmerzen eingestiegen wäre, wenn ich nicht wenigstens kurz nachgefragt hätte. Und das tue ich jetzt und spreche die Kleine an. Sie erinnert mich an mich, als ich klein war, denn sie dreht sich verschüchtert weg und ist auf einmal ganz still. Ich hocke mich hin, versuche, sie anzusehen. „Bist du allein hier?“ „Suchst du deine Eltern?“ „Weißt du, wo du wohnst?“ Große, nassgeweinte Kulleraugen und ein „Meine Mama!“ sind die Antwort. Schitt, denke ich, was nun? Weitere Versuche, ihr zu entlocken, wo sie denn wohnt und wo ihre Eltern zuletzt gewesen sind, bringen nichts.
Die arme. Sie wird Angst haben, wenn gleich die Polizei kommt, die ich jetzt rufen werde, damit sie sich der Kleinen annehmen, denn ich weiß nicht mehr weiter.
Ich drehe mich um, denn die Oma steht immer noch im Park und guckt. Einen Versuch ist es wert, auch wenn ich mir keine großen Hoffnungen mache, dass sie etwas weiß. „Wissen Sie zufällig, zu wem das Mädchen hier gehört?“, rufe ich ihr zu.

„Ja. Die gehört zu mir.“

Wie vom Donner gerührt starre ich die Alte an. Was?

„Ja… und warum steht die Kleine dann hier und Sie stehen dort?“

„Na, die soll herkommen.“

Vorbei. Aus. Ich kann nicht mehr. Mit meiner erkälteten Stimmte schleudere ich ihr im zickigsten Tonfall, den ich zustande bekomme und den ich eigentlich hasse wie die Pest, entgegen, was das ganze denn soll und warum sie mich nicht aufgeklärt hat, da ich mir doch offensichtlich totale Gedanken gemacht habe. Ich fühle mich wie der letzte Trottel.

„Tut mir leid“, sagt sie ein bisschen kleinlaut, genervt.

In mir brodelt’s und ich kann mich geradeso beherrschen, um nicht noch weitere Prinzessinnenflüche von mir zu geben, denn neben mir steht immer noch Jemand, den ich nicht erschrecken möchte. Ich mache auf dem Absatz kehrt und stapfe wütend Richtung Haltestelle. Mir kommt ein Mann mit einem klappbaren Kinderwagen entgegen. Wo war der bitte die ganze Zeit? Wieso lässt die Alte ihre Enkelin allein auf dem Gehweg zurück, wo doch nebenan eine befahrene Straße ist, mit Tram und Autos? Und warum geht sie nicht dazwischen, als sie merkt, dass sich jemand Sorgen macht, obwohl sie die Situation doch ganz einfach hätte aufklären können? Und warum überhaupt lässt sie es zu, dass die Kleine minutenlang mit einer Fremden spricht? Was um alles in der Welt braucht es, um ein dermaßen unterirdisches Niveau an Denkleistung zu erreichen?

Und wieso bin ich am Ende die Dumme?

Die Bahn kommt mit mächtiger Verspätung, sodass ich sie noch kriege. Ich hasse das, aber gerade ist es mir egal.

6 Antworten to “Du dämliche, alte Bratze”

  1. lordfoltermord Says:

    Elternführerschein, ich sags ja immer wieder (geht natürlich nicht, denn dann wären wir innerhalb weniger Generationen ausgestorben). Jetzt aber auch noch die Omas … unglaublich! Das sind doch die, die noch trösten können, wenn sonst alles schief läuft und immer ein vergammeltes Alleswirdgut-Karamellbonbon in der Manteltasche mit sich führen.
    Recht so, Hase, schimpf sie aus, das ist gar keine wirkliche Oma!

    Noch schlimmer: Du bist wahrscheinlich die eine von 10, die sich mal gekümmert hat, der Rest trabt weiter. Das ist ja mindestens ein Baguette mit leckerstem Käse wert. Ich werde bei meiner nächsten Berlin-Visite daran denken.

  2. Mao-B Says:

    Da nimmt man mal seine Scheuklappen ab und springt über den eigenen Schatten… und ist dann doch wieder der dumme:-/

  3. Kassiopaia Says:

    Anj, du bist nicht die Dumme. Das ist die olle alte Omma, die ihre Enkelin an eben dieser befahrenen Straße alleine stehen lassen hat. Denn damit hat sie ja wohl ihre Aufsichtspflicht verletzt! Dafür hätte sie von ihrer Mutter früher mit dem Teppichklopfer den Hintern versohlt gekriegt.
    Du hast alles richtig gemacht, sei beim nächsten Mal ruhig wieder so hilfsbereit. Davon gibt’s ja nicht viele. *ein Bienchen stempel*

  4. Richard Synn Says:

    Unfassbar. Ich kann mich an eine Begebenheit aus früher Kindheit erinnern, bei der ich im falschen Bus fuhr und lediglich meinte, ich käme nicht mehr nach Hause (war natürlich alles halb so wild…). Und obwohl ich nun doch schon recht eigenständig bin und dieses Erlebnis in mir auch kein wirkliches Trauma ausgelöst hat, zieht sich mir heute noch alles zusammen, wenn ich daran denke, wie sich das anfühlte. Warum also um alles in der Welt gibt es sog. Menschen, die so etwas absichtlich provozieren?!

    Der Dumme bist Du dabei wahrlich nicht…

    Neben den Bienchen-Stempel setz ich noch den Lachendes-Gesicht-Stempel (wirst sehen, nachher bist du ein wandelndes Abzeichen🙂 )

  5. nath Says:

    respektvordir.

  6. Soulsnatcher Says:

    Ausser Kopfschütteln fällt mir da nichts mehr ein.

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