China-Fazit die vierte

Step 4: Get accounts moving

Erster Blick in die Unterrichts- und Büroräume bringt folgende Erkenntnis: aha, hier sieht’s also anders aus als im Seminarzimmer daheim. Aber wenn man das gewollt hätte, hätte man ja auch in Deutschland bleiben können. Bröckelig, alt und nicht besonders gut ausgestattet – das schreit doch geradezu nach Abenteuer. Also Safarikappe auf, Lasso geschwungen und dann ab dafür. Das erste Treffen mit den Studis läuft dann auch fast so ab – angucken, begutachten und versuchen, Sympathiepunkte einzufangen. Gesichter merken. (Namen merken ist ein Ziel, das ich bis zum Ende des Praktikums nicht vollständig erreichen werde.) Und dann kommt alles ins Laufen. Ich bin stolz auf mich, dass ich schon nach einem Besuch das Unterrichtsgebäude ganz allein finde, obwohl auf dem Campus alles gleich aussieht, und dass ich nach zwei Wochen erkenne, wer „meine“ Studis sind und dass die Eingewöhnungsphase doch relativ kurz zu sein scheint. Kaum habe ich „Hallo, ich bin Anja aus Deutschland“ gesagt, fläze ich mich im nächsten Moment wie selbstverständlich auf die alte Ledercouch im Deutschlehrerzimmer, korrigiere Essays mit dem neugekauften Rotstift und mache mir Notizen für das „Wie korrigiere ich meine eigenen Texte“-Merkblatt für die Schreibklasse. Auf dem Plan stehen fortan: vorbereiten, korrigieren, beim Unterricht zugucken (inkl. Dazulernen), Aussprachetraining geben, Referate bewerten und die Deutsche Ecke schmeißen. Letzteres beginnt immer damit, den Büroraumschlüssel im richtigen Winkel ins Schlüsselloch zu stecken, was im Dunkeln (ab 18 Uhr gibt es kein Licht mehr im Deutschgebäude – vielleicht wird die Energie für das warme Wasser in den Wohnheimen gebraucht…) und bei einem vielverzahnten Schloss gar nicht mal so einfach ist und dann den Beamer aus dem Schrank zu wuchten und dabei aufzupassen, mit der Tasche nicht gegen irgendwelche Ecken zu stoßen. Natürlich gibt es immer die zwei bis 300 Schreckenssekunden, während der man glaubt, dass die Technik nicht funktioniert, von denen man aber erlöst wird, sobald der Beamer erfolgreich das PC-Hintergrundbild (ein Stargate-Poster; natürlich erteile ich den Studis zwischendurch noch einen kurzen Crashkurs in nordamerikanischer Science-Ficition-Kultur) an die Tafel projiziert und man anfangen kann, über ein Thema mit Deutschlandbezug zu reden. Manchmal sitzt der Lektor nicht dabei – was ganz spannend ist. Ich muss Gesprächspausen irgendwie selbst bewältigen und die Klasse motivieren – auf der anderen Seite wird mich keiner kritisieren und ich habe alle gestalterische Freiheit. Und so rede ich die kommenden Wochen über Sternzeichen, das deutsche Schulsystem und Adventskalender und fröne ganz eigennützig meinem Singhobby und spiele Chorleiterin.
Größte Herausforderung: Keine Lehrtätigkeit kann so schwer sein wie das, was mein innerer Schweinehund täglich bewältigen muss, wenn er dieses eine, altbekannte Bedürfnis verspürt. Warten oder wagen? Kaum eine Entscheidung ist so schwer, wenn die Tasse Grüntee vom Frühstück und die Flasche Laoshan-Wasser vom Tag ihre Freiheit fordern. Eine Packung antibakterieller Tücher sind nun Standardausrüstung – und zwar nicht nur, um die Hände sondern auch die eigenen Schuhe von unten zu reinigen. Ich möchte keine Stereotypen heraufbeschwören. Aber Toiletten in China sind ein Abenteuer. Auch in Unis.

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